von Lena Baummann
«Nora Nora Nora» - ein geradezu schmerzhaft gefühlsintensives Theater, aufgeführt auf der Bühne des Schadausaals, produziert von der Theatergruppe Grenzgänge aus Luzern, gastierte am Donnerstagbei «Theater in Thun». Es lud mit unverblümter Ehrlichkeit ein, sich in der vielschichtigen Gefühlswelt Noras wiederzuerkennen.
Drei schlichte, hölzerne Balken, getaucht in rotes Licht, begrüssten das Publikum beim Betreten des Saals. Es herrschte eine abwartende Stille, nur die drei Schauspielerinnen, die um die Balken herum auf Position gehen, wussten, was gleich passieren würde. Die drei Balken entpuppten sich als Buchstaben in der Form eines N, welche, wie sich im Laufe des Stücks zeigen würde, scheinbar unerschöpfliche Möglichkeiten zu bieten hatten. Dieses raffinierte und schnell wandelbare Bühnenbild, geschaffen von Barbara Pfyffer, ebenso wie die ganze Inszenierung von Bettina Glaus, hatte etwas Rohes, Unmissverständliches an sich. Mit simplen Mitteln wie etwa dem Hochziehen eines N an zwei Seilen, was die Mühen einer Geburt darstellen soll, wurden grosse, komplexe Gefühle so verbildlicht, dass man sie leicht nachfühlen kann. Die Wechsel zwischen Spannung und Entspannung traten im ganzen Stück immer wieder auf. Sie stellten die Höhen und Tiefen der Gefühlswelt mitunverkennbarer Intensität dar. In der einen Sekunde hoch, hoch oben, tanzend, das Leben geniessend, und in der nächsten am Boden, müde, kaputt.
Das Stück begann und schrie gewissermassen von der ersten Sekunde an Fragen heraus, auf welche niemand so einfach eine Antwort hat. Was schuldet eine Frau ihrer Familie? Erfüllt das Muttersein eine Frau? Nora ist eingesperrt. Eingesperrt in die Norm einer Gesellschaft, die Erwartungen stellt, Verpflichtungen birgt und urteilt, was sich gehört und was nicht. Dieses Eingesperrt sein wurde eindrücklich dargestellt, denn so wie weder Nora 1, Nora 2 noch Nora 3 der Bühne entfliehen konnten, so können auch wir unserer Bühne, dem Leben, nicht einfach entfliehen. Dies wurde besonders deutlich in den Teilen des Stücks, in denen normales Reden abgelöst wurde und die Schauspielerinnen sprachen, als läsen sie von einem Rollenblatt ab.
Das Drama «Nora (ein Puppenheim)»,auf dem diese Umsetzung beruht, wurde 1879 von Henrik Ibsen geschrieben. Die Rolle der Frau ist klar, die des Mannes jedoch nicht weniger. Nora ist Mutter, Ehefrau. Und was auch immer sie zu tun hat, um Helmer, ihrem Mann, zu gefallen, das wird sie tun. Helmer entscheidet, wann Nora seine kleine Singlerche und wann seine Sau ist.
Nun könnte man meinen, das sei doch fast 150 Jahre her und hätte keinen Bezug zu heute. Falsch gedacht! Das Stückprangert offen die Defizite unserer Gesellschaft an. Und eben diese Defizite zeigt dieses Werk so eindrücklich. Es ist herrlich erfrischend, spricht aus, was sich manch eine:r oft wohl denkt. Die Gefühle sind roh, klar - sei es Wut, Ernüchterung oder Begeisterung. Das Stück ermöglicht einem einen Einblick in eine ehrliche, offene Art, die im Leben oft vom Verlangen unterdrückt wird, auf keinen Fall anzuecken. Damit rennt das Stück offene Türen bei den Noras der Gegenwart ein.
Die drei unglaublich charakterstarken Schauspielerinnen zeichneten ein Seelenporträt, in dem sich manch eine:r wiedererkennen kann. Sie machten echte Identifikation mit Nora möglich.
Das Theater endete, die Fragen blieben. Doch der Zauber lag mitunter auch darin, dass man den Saal mit einer neuen Sicht auf Vertrautes verliess. Oder, wie es schon im Programmheft heisst: «Die Welt dreht sich weiter, doch alte Muster sterben erstaunlich langsam.»
4.2.2026